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Wie wir die Bedürfnisse von Kindern besser verstehen können

Manchmal sind uns die Verhaltensweisen von Kindern unverständlich oder sogar lästig. Warum kann ich mein Kind nicht einfach ins Bett legen und es schläft dann selig ein? Warum will mein Kind auf den Arm, wo es doch schon gut alleine laufen kann? Attachment Parenting und die evolutionsbiologische Sicht auf Erziehung können Antworten geben. Attachment Parenting ist ein wunderbarer Einstieg, um die Bedürfnisse von Kindern besser zu verstehen.

Ich selbst habe viel darüber in meiner Fortbildung bei Einfach Eltern gelernt und auch dadurch, dass ich viele Ratgeber gelesen habe. Irgendwann entwickelte ich meine eigene Haltung; nicht zuletzt als Coach. Attachment Parenting geht sehr auf die Bedürfnisse von Kindern in ihrem ersten Lebensjahr ein. Doch welche Haltung steckt dahinter? Und wie geht es mit Attachment Parenting weiter, wenn das Kind älter wird; wenn Themen wie Stillen, Tragen, Familienbett bereits ausgelebt werden oder wurden. Was kommt danach? Darauf möchte ich gerne Antworten geben.

Die evolutionsbiologische Sicht auf die Bedürfnisse von Kindern

Bei Attachment Parenting geht es besonders darum, wie wir mit Säuglingen umgehen können, um ihre ureigenen Bedürfnisse zu stillen. Dabei wird evolutionsbiologisch argumentiert: Man stelle sich folgendes Szenario vor: Die Menschen leben als Nomaden in einer Steppenlandschaft. Sie sind Jäger und Sammler. Es gibt wilde Tiere und Umweltfaktoren, die den Menschen gefährlich werden können. Es gilt das Prinzip: „survival of the fittest“ – das Grundprinzip der Evolutionslehre nach Charles Darwin. Das heißt, bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen verhelfen den Babys dazu zu überleben. Babys, die diese Verhaltensweisen nicht zeigten, haben nicht überlebt. Zum Beispiel schreien Babys, wenn man sie alleine irgendwo liegen lässt. Das gilt auch heute im warmen Bettchen im eigenen Zimmer, das so schön dekoriert ist und wo sogar ein Babyphone steht. Das alles weiß ein Baby jedoch nicht. Wenn es auf die Welt kommt, weiß es nur, was durch sein evolutives Erbe in seinen Genen gespeichert ist. Also schreit es, wenn es alleine ist. Das Baby empfindet in solchen Momenten Todesangst, da sein Hormonsystem nach dem gleichen genetischen Plan gebaut ist, wie das der Steinzeitbabys. Adrenalin lässt das Kind Angst und Panik empfinden. Das Baby schreit solange bis ein vertrauter Erwachsener es hoch hebt. Dieses Verhalten verhalf dem Steinzeitbaby dazu zu überleben. Und deshalb schreien unsere Babys heute noch. Erst wenn das Baby den Herzschlag eines vertrauten Erwachsenen hört und die Nähe körperlich spüren kann, ist alles in Ordnung und es hört auf zu schreien. Das Baby kann jetzt entspannen. Die Stresshormone werden vom Körper wieder abgebaut und Oxytocin, das Bindungshormon, wird ausgeschüttet.Das Baby empfindet Ruhe und Sicherheit.

Welche Haltung steckt hinter Attachment Parenting?

Beim Attachment Parenting (AP) geht es also darum zu verstehen, was Babys empfinden und welche Bedürfnisse hinter ihrem Verhalten stecken. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass sie ihr urzeitliches Erbe in sich tragen und nicht wissen in welche Welt sie hinein geboren wurden. Das macht uns Menschen im Übrigen so besonders anpassungsfähig und ermöglicht uns eine Kultur zu entwickeln!

Beim Attachment Parenting gehen die Eltern sofort, soweit dies möglich ist, auf die Bedürfnisse des Babys ein, damit dieses nicht unnötig viel Stress empfindet. Stress verursacht eine erhöhte Cortisolausschüttung, und diese ist ungesund: Sie hemmt das Lernen, aber das müssen Babys und Kinder ständig. Das Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit wird beim AP sofort erfüllt, indem man das Baby auf den Arm nimmt. Es wird nach Bedarf gestillt, also wenn das Kind Hunger hat und nicht – wie in unserer Elterngeneration – nach der Uhr. Das Kind schläft im Familienbett; dort erlebt es wieder Nähe und Sicherheit. Das Kind wird in der Tragehilfe oder im Tragetuch nah am Körper getragen, was dem Kind wieder Nähe und Sicherheit vermittelt.

Die Grundhaltung vom Attachment Parenting lässt sich also folgendermaßen zusammenfassen: „Die Grundbedürfnisse des Babys werden sofort erfüllt.“

Ist das nicht Verwöhnen? Was haben die Eltern vom Attachment Parenting?

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass man die Grundbedürfnisse der Babys bedient, wird schnell klar, dass nicht von „Verwöhnen“ gesprochen werden kann. Die Eltern kommen vielmehr ihrem Bedürfnis und ihrer Pflicht nach Fürsorge nach, anstatt sich einreden zu lassen, ein Kind müsse man schreien lassen, da es den Eltern ansonsten irgendwann auf der Nase herum tanze.

Attachment Parenting tut letztlich auch den Eltern gut, denn: Das Ziel von AP ist es, eine gute Bindung zu dem Baby aufzubauen. Daher nennt man diese Art mit Kindern umzugehen auch „bindungsorientiert“. Das Hormonsystem der Eltern schüttet auch Oxytocin aus, wenn sie Körperkontakt mit ihrem Baby haben, zum Beispiel beim Tragen. Ganz besonders viel Oxytocin wird beim Stillen ausgeschüttet. Beim Schlafen im Familienbett schreien die Kinder weniger. Niemand muss nachts aufstehen, um sich um ein hungriges Kind zu kümmern. Alle schlafen (vermutlich) besser. Und junge Eltern wissen, wie wichtig ein paar Stunden Schlaf am Stück sind! Babys zu tragen kann auch sehr praktisch sein. Wenn man mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist etwa. Dann braucht man keinen sperrigen Kinderwagen in den Bus zu heben. Man kann einfach wie gewohnt alle Treppen benutzen.

Grenzen setzen und Nein sagen etwa ab dem ersten Geburtstag

Wenn Kinder anfangen zu spielen, wollen sie mehr als nur ihre Grundbedürfnisse befriedigen: Alles was jetzt kommt, beispielsweise physikalische Grundeigenschaften wie die Schwerkraft ausprobieren, haben keine oberste Priorität. Spielen ist für Kinder enorm wichtig, denn hier lernen sie am meisten. Aber: Wenn ich z.B. gerade esse (Essen gehört ja zu den Grundbedürfnissen!) und mein Kind will spielen, darf ich guten Gewissens „Nein, ich spiele jetzt nicht mit. Ich will essen.“ sagen, weil mein Bedürfnis zu essen in jedem Fall vorgeht. Davon abgesehen, könnte man dem Kind erlauben, sich selbst um sein Bedürfnis nach Spielen zu kümmern.

„Grenzen setzen“ ist ein ziemlich festgefahrener Begriff, der in jedem Erziehungsratgeber vorkommt. Entweder ist man dafür oder dagegen. Ich meine mit Grenzen vor allem die persönlichen Grenzen. Ich sage meinem Kind was ich jetzt will und was ich jetzt nicht will. Dabei kann ich dem Kind erklären, welches Bedürfnis ich jetzt gerade habe. Das kann ein Grundbedürfnis sein: „Ich habe Hunger. Ich will jetzt essen. Ich will nicht spielen.“ Oder ein Bedürfnis, dass mit meinen Werten zu tun hat: „Ich will jetzt los fahren, weil es mir wichtig ist pünktlich am Kindergarten zu sein.“ Wir Eltern müssen also auch auf eigene Bedürfnisse achten und diese konsequent ernst nehmen und einfordern. Umgekehrt müssen wir die Grenzen der Kinder achten: „Ich will nicht auf’s Klo. Ich muss nicht.“ „Ich will meine Jacke nicht anziehen. Mir ist warm.“

Kinder und Eltern haben Bedürfnisse und ganz eigene persönliche Grenzen. Ich wünsche mir, dass beide gehört werden. Dabei gehen die Grundbedürfnisse der Kinder vor. Ein vertrauter Erwachsener soll sich um diese sofort kümmern, solange das Kind dies nicht selbst tun kann.

Meine Werte in meiner Erziehung

Ja, ich finde Erziehung ist sehr individuell. Es kommt darauf an, was mir als Mutter oder Vater wichtig ist. Jetzt kann ich mir Gedanken darüber machen, welche Werte ich eigentlich vertrete und was ich meinem Kind beibringen bzw. vorleben will. Mir ist z.B. der Satz: „Mein Körper gehört mir!“ sehr, sehr wichtig. Das hat mit Selbstbestimmung zu tun. Ich bin der Meinung, ein Kind sollte lernen, dass es selbstbestimmt aufwachsen darf, dass es eigene Entscheidungen treffen darf und sich somit als selbstwirksam erlebt – und das besonders in Bezug auf den eigenen Körper! Meine Tochter darf entscheiden, wann sie aufs Klo geht. Ja, es ist so einfach! Sie entscheidet was sie anzieht. Das ist manchmal schon kritischer. Ich packe ihr immer einen Pulli oder eine Jacke ein, wenn das Wetter danach aussieht. Wenn sie dann sagt: „Mir ist kalt“, kann sie sich wärmer anziehen. Sie soll ihre körperlichen Bedürfnisse selbst spüren und danach handeln. Wenn sie satt ist, ist sie satt! Basta!
Ok. Diese Werte, die ich als Mutter oder Vater vertreten will, sollten mir klar sein. Wem die eigenen Werte nicht so klar sind, kann sich darüber in einer ruhigen Stunde Gedanken machen. Wichtig ist auch zu wissen, welche Werte vorgehen. Zum Beispiel ist mir Gesundheit wichtig. Ich dränge mein Kind trotzdem nicht dazu gesundes Gemüse zu essen oder sich jeden Tag zweimal die Zähne zu putzen, weil mir Selbstbestimmung noch wichtiger ist. Ich erkläre ihr mantra-artig, dass mir ihre Gesundheit wichtig ist, und dass ihr deshalb die Zähne putzen will. Bis auf wenige Ausnahmen darf ich ihr dann auch die Zähne putzen. Aber ich würde ihr niemals die Zahnbürste in den Mund drücken oder sie gar festhalten. Das empfinde ich als grenzüberschreitend. Ihr Körper gehört ihr!

Wie geht es nach einem Jahr Attachment Parenting mit der Erziehung von Kindern weiter?

Ich würde sagen, dass man die Grundbedürfnisse des Kindes im ersten Jahr kennen gelernt hat. Diese stehen weiterhin an oberster Stelle! Dazu zählen für mich die absoluten Grundbedürfnisse wie Nähe (Kuscheln, Trösten, auch Anerkennung, und gesehen-werden), Essen und Trinken, „Pippi-machen und Kacka-machen“ und Schlafen. Diesen Grundbedürfnissen würde ich als Eltern immer sofort nachkommen, aber ganz besonders das Bedürfnis nach Nähe. Wenn ein Kind auf den Arm will: Immer auf den Arm nehmen. Dort fühlt es sich auch im Kleinkindalter am sichersten. Denk‘ zurück an die wilden Tiere, die in der Steinzeit unterwegs waren. Zu allen weiteren „Wünschen“ des Kindes darf man als Eltern guten Gewissens „Nein“ sagen. Das ist gut und wichtig. Dabei kommt es auf die eigenen Werte, Bedürfnisse und die Bedingungen an, in denen das Kind mit seinen Eltern lebt. Die meisten Eltern wollen zum Beispiel morgens pünktlich in der Kita oder im Kindergarten sein. Sind alle Grundbedürfnisse des Kindes erfüllt, kann man sich also auf den Weg machen und muss nicht noch warten, bis das Kind zu Ende gespielt hat. Obwohl das meistens natürlich eine gute Idee ist!

Fazit

Erziehung hat damit zu tun, welche Bedürfnisse Kinder und Erwachsene haben, die zusammen in Beziehung treten. Ich denke dabei daran, dass Kinder in ihrem Leben zu vielen Menschen eine Bindung aufbauen: Zu den Eltern, Großeltern, Verwandten, dann auch Erzieherinnen und Erzieher in Kita und Kindergarten, Schule.
Die Grundlage für „Erziehung“ bilden dabei die Grundbedürfnisse der Kinder. Darüber hinaus vertreten wir als Erwachsene Werte, die uns wichtig sind und die wir unseren Kindern vermitteln. Wir haben zudem eigene Bedürfnisse, die wir achten sollten und damit persönliche Grenzen setzen.

Zusammenfassend kann ich sagen: Von Attachment Parenting können Eltern gerade im ersten Lebensjahr ihrer Kinder stark profitieren. Die Grundbedürfnisse von Kindern sollten sofort befriedigt werden. Ab ca. dem ersten Geburtstag kommen auch andere Bedürfnisse hinzu, bei denen wir als Eltern auch „Nein“ sagen dürfen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Wir sollten uns unserer Werte klar sein, damit wir wissen wie wir „erziehen“ wollen. Erziehung ist individuell und muss sich nicht an gesellschaftlichen Normen oder Erziehungsratgebern ausrichten!

Zum Weiterlesen

Lasst eure Kinder spielen! Was Eltern von Maria Montessori lernen können.
Warum dich deine Kinder so aufregen. Antworten der gewaltfreien Kommunikaiton
Verantwortung, gewaltfreie Kommunikation und Zeit – Die drei Säulen meiner Erziehung

im Netz:

Wikipedia-Artikel: Attachment Parenting, erklärt gut worum es geht
mamaclever.de: sehr informativer Artikel von Eva Dorothée Schmid darüber was Attachment Parenting eigentlich ist
windelfrei.de: ein interessanter und kritischer Beitrag zum Thema Attachment Parenting von Nicola Schmidt

Ich empfehle dir folgende Bücher zum Thema:

Herbert Renz-Poster: Menschenkinder
Nora Imlau: Das Geheimnis zufriedener Babys

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