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Lasst eure Kinder spielen! Was Eltern von Maria Montessori lernen können.

Sonja Martin Coach Elterncoaching Maria Montessori Polarisation der Aufmerksamkeit

So einfach? Ich soll mein Kind einfach spielen lassen. Das ist alles? Ja! Aber wie geht das eigentlich, wo ich meinem Kind doch die bestmöglichen Entwicklungschancen bieten will?! Schauen wir, was wir von Maria Montessori lernen können.

Stellen wir uns eine typische Spielsituation zu Hause vor: Ein Kleinkind malt mit Farben. EineMutter, die sich nur das Beste für ihr Kind wünscht, zeigt ihm, wie es mit dem Finger und ein paar einfachen Punkten einen Marienkäfer malen kann. „Schau mal! So malt man einen Marienkäfter. Du machst so und so…“

Zweite Szene: Eine andere Mutter packt das neue Memoriespiel mit ihrer Tochter aus. Die Mutter will gerade die Karten mischen und verdeckt hinlegen, als die Tochter beginnt die Karten aufeinander zu stapeln. Eine nach der anderen, bis ein beachtlicher Turm entstanden ist. „Ach. So kann man auch mit den Memoriekarten spielen.“ denkt die Mutter und beobachtet still wie ihre Tochter darin versinkt die Karten zu weiter aufzustapeln.

Etwas beibringen vs. Spielen lassen

Worin unterscheiden sich diese beiden Szenen? Welche Absichten haben die beiden Mütter (es Maria Montessori Lasst eure Kinder spielen Polarisation Sonja Martin Elterncoaching Bonn Elternberatung Erziehungsberatung Bonnhätten auch Väter sein können). Beide wollen, dass ihre Kinder etwas lernen. Die eine Mutter verfolgt dabei einen Plan, den sie sich vorgestellt hat. Sie will ihrem Kind etwas beibringen. (Wie man einen Marienkäfter malen kann). Die andere Mutter stellt ihr Interesse, dem Kind das Memoriespiel beizubringen, zurück, als sie sieht, dass dieses bereits einen eigenen Weg gefunden hat sich mit den Karten zu beschäftigen.

Maria Montessori beobachtete das Phänomen der konzentrierten Aufmerksamkeit oder Versunkenheit erstmals in der von ihr gegründeten Kindertagesstätte (Casa dei Bambini, Rom, 1907). Später nannte Maria Montessori dieses Phänomen die „Polarisation der Aufmerksamkeit“.

Was steckt hinter diesem Phänomen der Versunkenheit? Und wieso verhindern wir es so oft im Alltag?

„Die Polarisation der Aufmerksamkeit“ nach Maria Montessori

Wenn wir das Phänomen der Polarisation der Aufmerksamkeit verstehen und was es im Kind bewirkt, fällt es uns eventuell leichter uns auf die Bedürfnisse unserer Kinder einzustellen und unsere eigene Interessen zurückzustellen. Wenn wir eine neues Verständnis über das Lernen von Kindern gewinnen, werden wir vermutlich unser Verhalten ändern.

Maria Montessori hat ein Phänomen bei Kindern beobachtet das sie die „Polarisation der Aufmerksamkeit“ nannte. Kinder können sich in ein Spiel oder eine Tätigkeit so sehr vertiefen, dass sie alles um sich herum vergessen. Sogar Händewaschen, Spülen oder Fegen kann so eine Tätigkeit oder Spiel sein.

Sie nannte dieses Phänomen „Polarisation“. Als Naturwissenschaftlerin sah sie in der Polarisation eine gute Metapher, um das Phänomen, dass sie bei Kindern beobachtete am besten zu beschreiben.

In diesen Momenten, die auch Stunden sein können, lernen Kinder am Meisten. Sie sind hoch konzentriert und beschäftigen sich genau mit der Tätigkeit, die für ihre Entwicklung gerade am wichtigsten ist.

Maria Montessori entwickelte aus dieser Beobachtung ab 1907 ein Lehrkonzept bei dem schon Kindergartenkinder ihre Umwelt gezielt entdecken und begreifen können.

Ein Kind kann in einer Tätikeit versinken

Ich will an einem Beispiel erklären was Polarisation sein kann: Ein Kind hilft beim Backen. Es schaufelt das Mehl statt mit einem Löffel mit den Händen in eine Schüssel. Dabei versinkt es so tief, dass es sehr lange damit beschäftigt ist. Es lässt das Mehl immer wieder durch seine Hände rieseln, sodass der Kuchen lange nicht fertig wird.

Hätte man dieses Kind jedoch unterbrochen, so hätte es nicht so intensiv wahrnehmen dürfen, wie es sich anfühlt das Mehl anzufassen, es fallen zu lassen und zu drücken. Das Kind nimmt wahr, wie das Mehl auf der Haut aussieht und sich auf dem Tisch zusammen schieben lässt. Vielleicht beobachtet es wie das Mehl im Gegenlicht staubt.

All das sind sehr viele Sinneseindrücke. Diese brauchen Zeit um erlebt zu werden. Das Kind lernt in diesen Momenten mit allen Sinnen. Es tastet, riecht, sieht, hört und schmeckt vermutlich, was und wie Mehl ist. Diese Momente sind extrem wertvoll für die Entwicklung von Kindern.

Aber warum unterbrechen wir unsere Kinder so oft dabei?

Bedürfnisse der Eltern

Wie die Beispiele oben zeigen, haben auch wir Eltern Bedürfnisse. Wir wollen gute Eltern sein. Eine gute Mutter sein. Ein guter Vater sein. Das sind wir, wenn unser Kind viel kann: Früh laufen lernt, ein tolles Bild malt; Memorie spielen kann; gut Kopfrechnen kann… Wirklich?

Deshalb neigen wir dazu die Polarisation unserer Kinder zu unterbrechen: Wir haben eigene Bedürfnisse, die wir nicht zurück stellen wollen. Wir sollten uns jedoch klar darüber werden, welches Bedürfnis gerade wichtiger ist.

Wir haben oft selbst einen Plan davon, wie etwas gemacht werden soll (z.B. wie man Kuchen backt oder Memorie spielt oder einen Marienkäfer malt). WIR wollen dem Kind etwas beibringen.

Dabei hat das Kind schon eine eigene Idee. Es will selbst seine Umwelt begreifen. Es will eigene Erfahrungen machen.

Wir sollten viel öfter einfach neugierige Zuschauer sein und staunen, wie Kinder staunen können und uns dann mit ihnen darüber freuen, wie Mehl zwischen den Fingern pappen kann. Das haben wir oft schon lange vergessen, weil uns das Ergebnis wichtiger ist, als der Prozess. Ein Kind kann ganz im Moment aufgehen. Und das können wir wiederum von unseren Kindern lernen.

Vielleicht macht es uns auch zu guten Eltern, wenn wir unseren Kindern zusprechen kompetent zu sein. Wir sind davon überzeugt, dass sie alle Fähigkeiten in sich tragen, um ihr Leben positiv zu gestalten:

Kinder sind kompetent – Bedürfnisse der Kinder

Wir vertrauen darauf, dass Kinder genau wissen, was sie brauchen. Welche Bedürfnisse sie haben. Das fängt beim Säugling an, der genau weiß, wann er Nahrung, Schlaf oder Nähe braucht. Größere Kinder wissen genau, welches „Spiel“ sie jetzt gerade für ihre Entwicklung brauchen. Wo sie jetzt gerade am meisten lernen können.

Die Versunkenheit zuzulassen heißt auch unseren Kindern Kompetenz zuzuschreiben. Und zwar die Kompetenz selbst zu entscheiden, was jetzt gerade interessant ist und wo es jetzt gerade am meisten zu lernen gibt.

„Hilf mir, es selbst zu tun.“ sagte Maria Montessori. Wir sollten unsere Kinder nur dann unterstüzten, wenn sie unsere Hilfe wirklich brauchen. Kinder wollen ihre Aufgaben alleine bewältigen und an ihnen wachsen!

Kinder spielen lassen

Für uns Eltern heißt das, dass wir unsere Kinder spielen lassen müssen. In Montessori Kindergärten und Schulen sind alle darauf eingestimmt ein Kind, dass sich gerade in eine Aufgabe vertieft hat; sich in Polarisation befindet, nicht zu stören. Das sollten wir uns auch zu Hause zur Aufgabe machen: Kinder spielen lassen. Kinder nicht ablenken.

Weniger ist mehr: Auch ein „Was machst du da Schönes?“ oder „Toll machst du das.“ sind zu viel. Wir Eltern können uns fragen, wessen Bedürfnis wir gerade erfüllen, indem wir das fragen. Wollen wir gerade gute Eltern sein? Oder sehen wir unser Kind mit seinem Bedürfnis nach Konzentration und Weiterentwicklung an, und lassen es spielen?

Eltern sollten ihre Kinder also öfter einfach nur beobachten. Und zwar so, dass die Kinder es nicht merken. Kinder sind von sich aus motiviert Neues zu lernen und den nächsten Entwicklungsschritt in Angriff zu nehmen. Wenn wir starke, selbstbewusste Kinder wollen, müssen wir sie ihre eigenen (Lern-)Erfahrungen machen lassen.

Was können also Eltern für ihren alltäglichen Umgang mit ihren Kindern mitnehmen? Kinder können sich dermaßen in eine Tätigkeit, ein Spiel, vertiefen, dass es uns oft erstaunt. Das sind ganz wertvolle Momente für die Entwicklung unserer Kinder.

Das Einzige was wir zu tun brauchen ist: Nichts. Still beobachten und das Wunder genießen, das vor uns sitzt!

Zum Weiterlesen:

Kinder haben ihre eigene Stimme – Was wir von Janusz Korczak lernen können

Helikoptereltern. 3 Ängste, 3 bedürfnisorientierte Auswege

Warum dich deine Kinder so aufregen. Antworten der gewaltfreien Kommunikaiton nach Marshall Rosenberg

33 Kommentare

  1. Der Polarisation der Aufmerksamkeit Raum geben, ist sehr wertvoll. NUR, „Das Einzige was wir zu tun brauchen“ wirklich „Nichts“ ?
    Der Darstellung fehlen mir Hinweise.
    Für und während der Polarisation der Aufmerksamkeit eines Kindes bedarf es „nichts“; weiter von Seiten eines Begleiters, um dies geschehen zu lassen. Es geschieht von selbst und ist essentiell für eine gesunde Entwicklung.
    Jedoch klingt es in der Darstellung generalisierend. „Nichts“; machen, in jeder Situation? Nur spielen lassen und alles entwickelt sich wie von selbst? Nein, das wäre fatal, oder nicht? So ist es auch nicht gemeint, oder?
    Aus Mehl wird ein Kuchen, wenn gezeigt wird WIE. Und wie Oma backen wir dann, wenn Oma uns mitteilen konnte WIE sie es macht. Vorbild und Anleitung haben ihre Berechtigung und sind ebenso wertvoll. Allein die Polarisation der Aufmerksamkeit im freien Spiel reicht nicht aus, um Kulturtechniken zu erlernen und zu üben.
    Wichtig finde ich auch, gängige Aussagen deutlich und unmissverständlich darzustellen. Die Aussage: „Hilf mir, es selbst zu tun.“, bedeutet auch Anleitung und ja, auch Erziehung. Und Anzeichen für „Hilfe“ benötigen, sind vielfältig und subtil. Nicht immer wird ein Kind verbal, verständlich artikuliert, fragen. Da wird aus: „Wir sollten unsere Kinder nur dann unterstützen, wenn sie unsere Hilfe wirklich brauchen“ sonst schnell laissez faire.
    Auch entsteht bei mir nach dem Lesen der Darstellung der Eindruck, dass Vermittlung von Wissen immer mit einer Unterbrechung der Polarisation der Aufmerksamkeit einhergeht und zu vermeiden sei.
    Ebenso kommen mir die Bedürfnisse der Eltern in der Darstellung zu schlecht weg. Es gibt gesunde elterliche Bedürfnisse und sie dürfen sein! Sie kommen zum Beispiel in der vorbereiteten Umgebung zum Ausdruck.
    Mein Fazit: Der Polarisation der Aufmerksamkeit ANGEMESSEN Raum geben und andere Aspekte der Entwicklungsbegleitung nicht außer Acht lassen oder verzerren.

    • Sonja sagt

      Hallo Franziska,
      danke für dein Feedback. Sicher hast du Recht, dass der Artikel nicht auf die Einzelheiten eingeht, wie ein Kind in der Polarisation der Aufmerksam begleitet und zum Beispiel durch die vorbereitete Umgebung unterstützt und geleitet wird. Ich gebe dir auch Recht, dass Maria Montessori mit Sicherheit kein laissez faire im Sinn hatte. Mein Appell sich als Eltern auch mal zurück zu nehmen und die Kinder nicht zu belehren, sondern selbst experimentieren und entdecken zu lassen bleibt. Wir Erwachsenen geben den Kindern einen Rahmen, indem sie selbständig expolorieren können. Das stimmt!
      Liebe Grüße,
      Sonja

  2. Ich finde auch, dass das Spielen für Kinder das wichtigste ist, was es für sie gibt. Habe mir dementsprechend auch eine Idee ausgedacht, wie sie im Garten perfekt sich beschäftigen kann. Hab mich dann auf http://www.kindersitzgruppe-aus-holz.de/ nach einer Kindersitzgruppe geschaut, eigentlich ist das echt eine kreative Lösung,das die Kinder trotzdem draußen spielen können 🙂 Muss noch überlegen welche ich nehmen soll 🙂

    Liebe Grüße
    Jule

  3. Hallo Sonja, ich beobachte meinen Sohn auch immer wenn er vertieft spielt. Es ist faszinierend, wie konzentriert die Kleinen schon sein können wenn sie für etwas „brennen“. Vielen Dank für diesen wundervollen Beitrag! Lg Mel

    • sonja sagt

      Hallo Mel,

      es freut mich, dass dir der Artikel gefällt!

      Ich finde es auch immer wieder erstaunlich, wie sehr sich Kinder vertiefen können! Es macht einfach Freude sie dabei zu beobachten!

      Liebe Grüße,
      Sonja

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