Allgemein, Beziehung zu deinem Kind
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Warum es egoistisch ist, wenn du dein Kind verwöhnst und 3 Schritte wie du damit aufhörst.

Verwöhnen ist schädlich für Kinder. Aber warum eigentlich? Und wieso tun so viele Eltern es trotzdem? Du verwöhnst dein Kind nicht damit es ihm gut geht, sondern weil du egoistische Gründe dafür hast. Du hast ein eigenes Bedürfnis das du erfüllen willst. Unbewusst.

Was würde dir und deinem Kind wirklich gut tun?

Was ist Verwöhnen?

Viele Eltern bieten ihrem Kind mehr Hilfe an als ihm gut tut. Das betrifft Kinder ab dem 1. Lebensjahr. Du hilft ihm zum Beispiel beim Jacke anziehen, obwohl es noch gar nicht um Hilfe gefragt hat und gerade sehr beschäftigt war es selbst zu tun. Kinder sagen dann oft: „selber“, denn sie wollen selbstständiger werden und Dinge alleine tun.
Vielleicht trägst du deinem Kind die Kindergartentasche oder den Schulranzen hinterher. Vielleicht packst du ihm die Hefte für die Schule zurecht. Vielleicht wäscht du die Wäsche deiner Teenage-Kinder oder du legst ansonsten eine absolute Serviceorientiertheit an den Tag.
Kurz: Du tust Dinge für dein Kind, die es schon selbst kann. Warum?

Du verwöhnst dein Kind aus purem Egoismus

Echt jetzt? Ich will doch nur das Beste für mein Kind, wirst du jetzt vielleicht aufschreien. Ja, das wollen alle Eltern. Wir alle lieben unsere Kinder und tun jeden Tag unser Bestes. Manchmal handeln wir jedoch völlig unreflektiert. Wir haben es eilig und ziehen das Kind eben doch an. Wir helfen ihm beim Essen, damit wir nicht den ganzen Boden später putzen müssen. Wir waschen die Wäsche der Teenage-Kinder, damit nicht aus Versehen der gute Wollpulli 5 Nummern kleiner wird. Wir tragen unseren Kindern ihren Kram hinterher, weil wir ihre Beschwerden und ihren Unmut nicht hören wollen.

Was lernt dein Kind daraus?
  • „Ich muss mich nicht anstrengen.“
  • „Ich kann das nicht.“
  • „Mama traut mir das nicht zu.“
Was brauchst du?

Ich vermute du brauchst:

  • Zeit für dich
  • Unterstützung
  • Vertrauen in die Fähigkeiten deines Kindes
  • Loslassen: Dein Kind wird nun mal älter und selbstständiger: Und ja, wenn du alles richtig machst, wird es irgendwann als erwachsene und selbstständige Person bei dir ausziehen.

Es ist völlig okay, dass du eigene Bedürfnisse hast. Das ist ganz klar. Mir geht es darum, dass du diese erkennst und das du dich darum kümmerst.

„Ich mache aber Attachment Parenting. Es ist wichtig die Bedürfnisse des Kindes sofort zu erfüllen.“

könnte dein Einwand nun lauten. Ja, das stimmt: im ersten Lebensjahr. Kinder unter 1 kann man nicht verwöhnen, da diese nur ihre Grundbedürfnisse äußern. Ich vertrete die Grundlagen des Attachment Parenting (AP). Du sollst deinem Kind soviel liebevolle Zuwendung geben, wie du kannst und dich dabei wohl fühlst, zum Beispiel durch Tragen, Stillen und Familienbett. Ich bin dabei nicht dogmatisch: Im Coaching schaue ich mit meinem Coachee, wie die Bedürfnisse von Eltern und Kindern erfüllt werden können. Wenn du aufgrund deiner eigenen Geschichte z.B. nicht so viel Nähe zulassen kannst, dann wirst du zunächst eine andere Lösung finden, die für dich und dein Kind gut ist.
Es könnte jedoch sein, dass du nach einem Jahr AP dort sozusagen stecken geblieben bist. Dein Kind stand immer an erster Stelle. Nun ist es jedoch älter und selbstständiger geworden. Neben den Grundbedürfnissen sind Wünsche hinzu gekommen, die warten können. Die Grundbedürfnisse müssen natürlich weiterhin erfüllt werden.

Ein Kind muss tun, was ein Kind tun muss.

Meiner Meinung nach ist das alles was es schon selbst kann: sich vom Rücken in die Bauchlage drehen, sich hinsetzen, mit dem Löffel essen, sich anziehen, den Rucksack oder die Schultasche tragen, usw. Anfangs will es auch alles selbst tun. Es sagt dann „alleine“ oder „selber“. Das ist der richtige Zeitpunkt dein Kind machen zu lassen. Meine Tochter brauchte morgens anfangs eine halbe Stunde zum Anziehen. Jetzt ist sie schneller. Hätte ich das für sie erledigt, würde ich das heute immer noch tun.
Du sollst deinem Kind weiterhin Liebe und Nähe schenken, wann immer es sie braucht. Zum Beispiel beim Trösten oder Kuscheln. Wenn dein Kind Nähe braucht, dann erinnere dich an die Grundbedürfnisse und erfülle ihm dieses.

„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“ Johann Wolfgang von GoetheClick To Tweet

Wie du mit dem Verwöhnen aufhörst, in 3 Schritten

1. Kümmere dich zuerst um dich selbst:

Das meine ich ernst. Nur wer sich um sich kümmert hat genug Energie, um sich auch um andere zu kümmern, die eigenen Kinder eingeschlossen.
Erkenne deine Bedürfnisse hinter deinem Verhalten. Werde dir klar darüber, warum du dein Kind verwöhnst. Ist es wirklich ein egoistisches Motiv? Ist es eines deiner Bedürfnisse? Zum Beispiel nach Unterstützung, oder nach Zeit für dich oder danach, dass du auch mit Kindern als pünktlich und zuverlässig gelten willst?

Was sind deine Erziehungsziele? Willst du das dein Kind einmal einen eigenen Haushalt führen kann? Ist es dein Ziel, dass dein Kind mit 18 kochen, putzen, waschen und mit Geld umgehen kann? Soll es wissen, was ihm gefällt und wo seine Interessen sind? Soll es selbstbestimmte Entscheidungen treffen können? Zum Beispiel bei der Wahl der Freunde, der Partnerwahl oder im Beruf?

Wann soll es anfangen das zu lernen? Mache dir klar was dir wichtig ist.

2. Gib deinem Kind Wurzeln.

Wenn du dich um dich selbst gekümmert hast, ist es an der Zeit zu Geben. Lass dein Kind selbst probieren, wie es in den Pulli rein kommt. Hilf ihm, wenn es Hilfe braucht, aber halte dich zunächst zurück. Sortiere mit älteren Kindern zusammen die Wäsche, zeig ihnen wie sie die Waschmaschine bedienen. Macht dies ein paar Mal zusammen. Frag dein Kind, ob es das nun selbst ausprobieren will. Je jünger dein Kind ist, desto kleiner sind die einzelnen Lernschritte. Dein Kind lernt am Meisten durch Ausprobieren: Von der Rückenlage in die Bauchlage wechseln, sich hinsetzen, laufen, klettern. Du brauchst nur dabei sein. Du sollst nur dabei sein und sagen: „Ich bin da und ich sehe dich. Ich helfe dir wenn du Hilfe brauchst.“

Denn dein Kind mag nicht „allein“ machen, sondern „selber“Click To Tweet
Hast du deinem Kind schon abgewöhnt selbst zu handeln, dann besprich mit ihm, dass du es ab heute anders machen willst. Dass du glaubst, dass es schon viel mehr selbst kann, und dass du ihm nun mehr Verantwortung übertragen willst. Sei dir klar darüber, dass dies auch einen Preis haben wird: Verlorene Turnbeutel, verwaschene Pullis, Zeit.

Am Ende wird dein Kind die Chance haben Verantwortung zu übernehmen und selbstständiger zu sein.

3. Lass deinem Kind Flügel wachsen.

Wie geht das? Tja, du musst dein Kind einfach machen lassen. Dein Kind lernt das Meiste durch selbst ausprobieren. Zum Beispiel werden die ersten Versuche mit dem Löffel zu essen daneben gehen. Lass deinem Kind seine Zeit, wenn es gerade Interesse zeigt dies zu lernen. Vertraue deinem Kind. Es wird lernen es selbst zu tun. Und biete ihm immer deine Hilfe an. Warte ab, ob es „ja“ oder „nein“ sagt. Bestehe darauf, dass es um Hilfe bitten muss, wenn es welche braucht. Sonst greifst du vielleicht zu früh ein und störst den Lernprozess, indem sich dein Kind gerade befindet. Darüber habe ich schon mal geschrieben: Lass dein Kind spielen!

Was lernt dein Kind daraus?
  • Ich kann das selbst.
  • Ich schaffe das.
  • Mama / Papa ist für mich da, wenn ich sie brauche.
  • Mama / Papa sieht mich.

Lass dein Kind das tun, was es selbst tun kann.

Bei kleinen Kindern ab ca. 1 Jahr brauchst du nicht jeden Wunsch sofort erfüllen. Bei Säuglingen ist das anders. Über die Grundbedürfnisse der Kinder habe ich bereits geschrieben und diese sollst du bitte auch später sofort erfüllen. Je älter dein Kind wird, desto selbstständiger wird es sich diese Grundbedürfnisse selbst erfüllen können: Essen aus dem Kühlschrank holen, auf Toilette gehen. Wenn dein Kind deine Hilfe, Nähe und Sicherheit braucht: Sei immer sofort für dein Kind da.

Hinter dem Verwöhnen steckt, wie hinter jedem Verhalten, eine gute Absicht. Du liebst dein Kind und du willst ihm helfen wo du kannst, du willst ihm zeigen, dass du da bist. Manchmal steckt hinter dem Verwöhnen auch das Bedürfnis morgens schneller aus dem Haus zu kommen oder die Wohnung sauber zu halten. Es könnte auch dein Bedürfnis nach Ruhe sein.
Dein Kind kann schon so viel selbst. Freue dich über seine Entwicklung. Begleite es und sei da, wenn es Hilfe braucht. Lass dein Kind seine Sachen selbst tragen. So trägt es auch die Verantwortung dafür und lernt auf seine Sachen zu achten. Du gehst dabei das Risiko ein, dass die Schultasche oder der Kindergartenrucksack verloren gehen. Aber du wirst erstaunt sein, was dein Kind alles schon selbst kann.

Es wird selbstbewusst lernen: „Ich kann das. Ich schaffe das.“ Und es wird lernen, dass du da bist, wenn es Hilfe braucht.

Zum Weiterlesen:

Helikoptereltern. 3 Ängste, 3 bedürfnisorientierte Auswege
Lasst eure Kinder spielen. Was Eltern von Maria Montessori lernen können.
Wie wir die Bedürfnisse von Kindern besser verstehen können.

4 Kommentare

  1. Nicole sagt

    Total wichtiges Thema, Sonja, danke für diesen Artikel.

    Erst vergangene Woche wurde ich Zeugin von einer Mutter, die ihrem Sohn, der schon mindestens 7 war, die Jacke anzog und sogar den Schal umband. Er sträubte sich und sagte sogar:“Das ist viel zu fest! Willst du mich erwürgen?“ Besorgniserregend, wirklich!

    Die große Angst einer Mutter ist auch, dass sie glaubt, keine gute Mutter zu sein, wenn sie diese Dinge nicht tut. Häufig liegt es sicher an Ungeduld und Bequemlichkeit: Es geht eben einfach schneller, wenn Mama hilft.

    Aber unter Verwöhnen verstehe ich noch etwas anderes. Damit verbinde ich übermäßigen Konsum: den Spontankauf von Süßigkeiten im Supermarkt (damit das Genörgel aufhört), der Überfluß an Geschenken zu Weihnachten und Geburtstagen, oder das Mitbringen von Kleinigkeiten zwischendrin. Was ist damit?

    Liebe Grüße,
    Nicole

    • sonja sagt

      Hallo Nicole,
      diese Geschichte passt genau zum Thema und ist eine prima Ergänzung zum Artikel. Vielen Dank dafür!
      Liebe Grüße,
      Sonja

  2. Ich finde, wir Eltern schwanken da häufig zwischen den Extremen: Die einen versuchen Babys nicht zu verwöhnen und sie mit wenigen Monaten zum Schlafen zu erziehen – und überfordern sie damit völlig. Andere bringen ihre Kinder selbst in der vierten Klasse noch bis in den Klassenraum und unterfordern sie damit – da sie ihnen so die Möglichkeit nehmen selbständig zu werden.

    Ich glaube der Schlüssel, um den „rechten“ Weg zu finden, ist aufmerksam zu sein (um nicht den überstrapazierten Begriff Achtsamkeit zu verwenden) – erst für sich und dann für das Kind.

    Danke für deinen Text!

    • sonja sagt

      Hallo Christopher,

      vielen Dank für deinen Kommentar!

      Von mir aus darfst du gerne von Achtsamkeit sprechen 😉 Ich mag das Wort!

      Liebe Grüße,
      Sonja

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