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Liebevolle Erziehung. Wie machst du das? – Interview mit Eva-Maria Große

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Dein liebevoller Erziehunsstil wird kritisiert? Wer seine eigenen Wege in der Erziehung gehen will, muss zuweilen viel Kritik vom Umfeld einstecken. Eva kam auf mich zu, weil sie ihre Geschichte gerne mit uns teilen möchte. Lies‘ in diesem Interview, wie sie die Beziehung zu ihrer Tochter gestaltet:

1. Wie würdest du deine Erziehungsstil beschreiben? Hast du ein typisches Beispiel, das deinen Alltag und deine Beziehung zu deiner Tochter beschreiben würde?

Antwort: Ich erziehe meine Tochter mit viel Liebe, vor allem mit bedingungsloser Liebe, Verständnis und gebe ihr zum einen Wurzeln und zum anderen Flügel. Sie soll ihre Persönlichkeit frei entfalten können und dürfen und sie soll sich keine Gedanken machen müssen, ob ich sie liebe wenn sie später eine schlechte Note mit nach Hause bringt.

Ich möchte an dieser Stelle gerne 2 wichtige Beispiele nennen.

Beispiel 1: Wenn meine Tochter mal weint weil sie traurig ist oder weil sie sich weh getan hat, dann verbiete ich ihr das Weinen nicht, sondern ich gebe ihr Zeit und Raum dafür und biete ihr meine Begleitung an. Durch gezieltes nachfragen und Verständnis entgegenbringen erzählt sie mir ihr Problem, weint sich aus und ist danach gestärkt und fröhlich. Sie darf sich in einem sicheren Raum einfach mal fallen lassen ohne befürchten zu müssen, dass sie ausgelacht oder vor Anderen ( Erwachsene oder Kinder) bloßgestellt wird.

Beispiel 2: Ich habe meine Tochter von Anfang an abends liebevoll in den Schlaf begleitet mit Kuscheln, Gesprächen über Probleme und Ängste und vorlesen von Geschichten oder Lieder singen. Mir ist es wichtig, dass sie mit einem guten Gefühl einschläft, dass sie sich sicher, geborgen und geliebt fühlt.  Es ist nicht immer einfach aber es lohnt sich! Denn das Ergebnis ist, dass sie vollstes Vertrauen zu mir hat und wir eine ganz tolle enge Bindung zueinander haben.

2. Wie nimmt dein Umfeld deinen Erziehungsstil wahr? Kannst du uns eine Anekdote erzählen, die die Reaktionen deines Umfeldes beschreibt? (1 positiv, 1 negativ)

Antwort:  Mein Umfeld nimmt meinen Erziehungsstil leider leider leider zu 90 Prozent negativ auf und zu 10 Prozent positiv.

Die meisten Menschen können es aus, ich sage jetzt mal geschichtlichen Gründen ( der Ursprung der bindungsfernen Erziehung im zweiten Weltkrieg durch Johanna Haarer und das somit verbundene gernerationsübergreifende Trauma) nicht verstehen, dass es Mütter gibt, die ihrem Instikt/ ihrem Urvertrauen folgen und ihren Kindern das intuitiv geben möchten, was diese gerade jetzt im Moment brauchen.

Negative Anekdote: Als meine Tochter noch ein Baby war, kam ich immer wieder mit Sätzen in Verbindung, die mich zum Teil verletzten und stark verunsicherten: zb. “ Wenn Du dein Kind daran gewöhnst, dass es bei dir schläft, bekommst du es nie wieder aus deinem Bett heraus.“ Oder “ Renn doch nicht immer gleich, wenn es schreit! Es wird dir später auf der Nase rumtanzen.“

Bei einer Mutter- Kind- Kur war meine Tochter 8 Monate alt. Es gab Probleme mit der Fremdbetreuung während meiner Anwendungen. Sie ließen mein Kind schreien. Als ich meine Tochter von der Betreuung abholte, beschloss ich, dass ich mein Kind dort nicht mehr abgeben werde und sie zu meinen Anwendungen mitnehme. Daraufhin wurde ich von der Betreuungsleiterin als Klammeraffe beschimpft und hatte vom Personal des Kurhauses her nicht mehr viel zu lachen bis zum Ende der Kur.

Meine Kur- Mitpatientinnen halfen mir, mein Vorhaben umzusetzen. Sie waren Zeugen von dem Zustand meines Kindes, als ich es dort abholte.

Positive Anekdote: Meine Psychologin hat mir immer wieder bestätigt, dass ich auf einem guten Weg bin und das meine Tochter so entspannt ist durch meine Erziehung.

3. Worauf bist du als Mutter stolz?

Antwort:  Zuerst einmal auf meine wunderbare liebevolle süße Tochter! 😉  Und ich bin zudem noch stolz, dass ich trotz des starken Gegenwindes der Gesellschaft meine persönlichen Vorstellungen darüber was ich meiner Tochter geben und vermitteln möchte, nicht aus den Augen verliere. Es gibt zwar Momente und Zeiten des Zweifels aber letztlich finde ich immer wieder auf den richtigen Weg zurück.

4. Wie entwickelt sich dein Kind? Welche Fähigkeiten förderst du durch deinen Erziehungsstil?

Antwort: Mein Kind entwickelt sich sehr gut. Sie hat großen Spaß am Lernen, Experimentieren und Spielen. Sie ist sehr kreativ und liebevoll. Zu ihren eigenen Gefühlen hat sie Zugang. Das bedeutet, sie kann ihre aktuellen Gefühle erkennen und benennen, sie ausleben und loslassen. Sie ist im Kindergarten sehr beliebt gewesen. Egal ob die Kinder 6 Jahre alt oder 1 Jahr alt waren, meine Tochter spielte mit jedem Kind ohne andere auszuschließen. Sie kann sich gut in andere einfühlen und möchte aus sich selbst heraus immer selbstständiger werden. Sie hat ein großes Herz mit viel Hilfsbereitschaft und Durchhaltevermögen.liebevolle Erziehung Mutter Kind Sonja Martin Bonn Elterncoaching Elternberatung Interview Bonn

5. Wie kam es dazu, das du Vieles anders machst als dein Umfeld und deine eigenen Eltern? Gibt es ein Schlüßelerlebnis?

Antwort: Mein Schlüsselerlebnis war kurz nach der Geburt meiner Tochter. Zur Hochzeit, die 8 Wochen später statt fand, kam die ganze Verwandtschaft zu Besuch. Dort war ich dann über eine Woche damit konfrontiert, was ich gefälligst zu tun und zu unterlassen hätte im Umgang mit meinem Baby. Das ging dann soweit, dass ich mich immer mehr im Schlafzimmer verbarrikadierte und mich nicht mehr raus traute. Auch bei jedem anderen Zusammentreffen wurde ich immer wieder mit den selben Vorwürfen konfrontiert:

Kinder gehören in ein eigenes Bett!

Renn‘ nicht immer gleich, wenn dein Kind schreit!

Lass es doch ruhig mal schreien! Das hat noch keinem geschadet!

Du musst viel mehr reden!

Trag es nicht die ganze Zeit mit dir rum!

Du verweichlichst dein Kind total, wenn du es zum  Weinen animierst!

Als Du ein Baby warst, haben wir dich in einen anderen Raum gelegt, weil du so geschrien hast.

Aus reiner Unsicherheit und Angst sowie einem enormen psychischen Druck ließ ich mich zeitweilg darauf ein, das so zu machen was die sagten. Und ich fühlte mich immer extrem schlecht dabei, weil ich ja, wie ich heute weiß, gegen meinen Instinkt gehandelt habe!!!! (Wozu hat uns die Natur mit einem Instinkt, einem Urvertrauen ausgestattet? Damit wir uns an ihm orientieren und die richtigen Entscheidungen treffen!) Der ganze unnötige Stress übertrug sich automatisch auf mein Kind und machte mir alles innerhalb kürzester Zeit noch schwerer. Es entstand ein Teufelskreislauf. Von da an entschied ich mich, auf mein Gefühl zu hören und mich viel zu belesen und auch bei der Psychologin über dieses Thema zu sprechen um mich zu stärken  um mich nicht wieder davon abbringen zu lassen.

6. Inwiefern tut es dir selbst gut, die Beziehung zu deinem Kind so zu gestalten wie du es tust?

Antwort:  Es tut so gut, wenn mein Kind sagt: “ Danke Mama“, “ Meine liebe Mama“, “ Mama, du bist die beste Mama der Welt!“ ohne dass ich sie je danach fragen musste oder sie dazu auffordern musste. Die Tatsache, dass sie so entspannt  und liebevoll ist, tut mir sehr gut.

7. Welche Werte sind dir besonders wichtig?

Antwort:   Gerechtigkeit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Fleiß, Freundschaft, Liebe, Mut, Verantwortung für die Zukunft,

8. Was wünscht du dir für deine Tochter. Für ihr Leben, für ihre Zukunft?

Antwort:  Ich wünsche mir  für meine Tochter, dass sie weiterhin so viel Spaß am Lernen und Entdecken hat, sich stets geliebt fühlt und sich so zu einer jungen Frau mit Selbstbewusstsein, einem gesunden Selbstwertgefühl und sozialer Verantwortung entwickelt, die eines Tages sagen kann: “ Ich liebe und genieße mein Leben und ich freue mich jeden Tag auf meine Arbeit, weil sie meine Bestimmung ist.“ Ich wünsche ihr, dass sie sich selbst verwirklicht, dass sie weiß wo ihre Stärken liegen und daraus ihr Glück entwickeln kann. Und ich wünsche  Ihr ein Umfeld von Freunden, Bekannten und Verwandten, Kollegen die es ehrlich mit ihr meinen und sie wertschätzen.

9. Welchen Tipp kannst du Eltern mit auf den Weg geben, die ebenfalls eine liebevollere Beziehung zu ihren Kindern gestalten wollen?

Antwort:  Zuerst einmal gebe ich den wichtigsten Tipp als kleine Hausaufgabe: Wenn Ihr von Eurem Umfeld mit Erziehungstipps überströmt werdet, dann probiert einen kurz aus und schaut wie ihr Euch dabei fühlt. Seit ehrlich mit Euch selbst!

Wie fühlt es sich an, das eigene Baby schreien zu lassen? Was empfinde ich dabei? Was würde ich jetzt am liebsten tun?

Möchte ich zu meinem Baby? Was hält mich davon ab? Warum lasse ich mich davon abhalten? Wie würde ich mich jetzt fühlen wenn ich als Baby von Mama allein gelassen werde, weil irgendjemand sagt, dass sie mich schreien lassen soll?

Selbstreflexion ist das Zauberwort!

Tipp 2: Ich empfehle allen unsicheren Mamas und Papas, sich mit folgenden Professoren der Bindungs- und Lernforschung zu beschäftigen und sich zu belesen und somit zu bestärken.

Karl Heinz Brisch

Gordon Neufeld / Dagmar Neubronner

Gerald Hüter

Von Allen gibt es Videos auf Youtube und auch Vorträge, Kurse und Bücher.

Tipp 3: Um mal zu sehen welche schwerwiegenden Folgen die von den älteren Generationen hochgelobte Erziehungsmethode “ Schwarze Pädagogik“ mit sich bringt und was sie beinhaltet, empfehle ich unbedingt sich mit dem Namen und den Werken der Johanna Haarer zu beschäftigen. Welchen Ursprung, Sinn und welche Folgen hatte ihr Buch ( Die Deutsche Frau und ihr erstes Kind), welches bis in die 80er Jahre Millionenfach verkauft wurde? Was sollte damit erreicht werden? Und warum ist dieser Erziehungsstil heute noch so weitverbreitet? Es ist ein Trauma, welches sich immer wieder von Generation zu Generation durchzieht, bis einer in der Familie erwacht und merkt, dass es sich von Grund auf falsch und schlimm anfühlt und dieses Trauma dann auflösen möchte.

10. Auf welche Art und Weise willst du deine Erfahrungen mit anderen Eltern teilen? Wie kann man dich erreichen und mit dir in Austausch gelangen?

Antwort:  Ich würde mir auf jeden Fall eine Art Forum wünschen, wo sich alle Eltern, die sehr unsicher sind jedoch schon den Entschluss gefasst haben, den Weg der bindungsbasierten Erziehung zu gehen und bereit sind sich auf dem Gebiet wirklich weiter zu entwickeln, einklinken dürfen und Fragen stellen dürfen, Unsicherheiten besprechen ohne Angst vor Vorwürfen und sich Kraft und Selbstvertrauen zu holen.

Eltern, die wirklich großes Interesse daran haben, dürfen sich gern auch per E-Mail bei mir melden.

grosse@gmx.de

Ich versuche, so schnell als möglich zu antworten.

Mein größter Wunsch ist es, so vielen Eltern wie nur möglich die Kraft  und das Wissen weiter zu geben um etwas grundlegendes für sich und die Kinder verändern zu können.

—Ende des Interviews —

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei Eva bedanken: Ich finde es total mutig und wertvoll, dass du einen Teil deiner Geschichte mit uns teilst. Ich glaube, dass viele Eltern Mut aus deiner Geschichte schöpfen können, um zu ihren eigenen Werten in ihren Beziehungen zu ihren Kindern zu stehen und sich ihrem Umfeld gegenüber zu behaupten.

Vielen, vielen Dank <3 <3 <3

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