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Verantwortung, gewaltfreie Kommunikation und Zeit – Die drei Säulen meiner Erziehung

Drohung, Bestechung und Erpressung

Kürzlich las ich den Artikel von Lisa Seelig in der Edition F. Der Artikel war sehr unterhaltsam und gut zu lesen. Die ganze Zeit habe ich auf die Pointe gewartet. Jedoch vergeblich. Ich hoffe immer noch, dass die Autorin das Ganze als Scherz meinte. Ich weiß jedoch, dass die Mehrheit der Eltern tatsächlich Drohungen wie: „Hör damit auf! Ich zähle jetzt bis 3. 1 – 2 – …“, Bestechung, z.B. „Wenn wir jetzt endlich los fahren können, bekommst du Süßigkeiten.“ und Erpressung: „Sonst kriegst du morgen keine Süßigkeiten.“ in ihrer Erziehung verwenden.

In meinem Umfeld höre ich das immer wieder. Dabei geht es auch anders. Es geht auch entspannter. Der Artikel hat mich dazu inspiriert, über die drei Säulen meiner eigenen Erziehung nachzudenken:

Liebe als Fundament

Es kommt mir selbstverständlich vor und deshalb ist es vermutlich umso wichtiger sie zu erwähnen: Die Liebe zu meinem Kind. Sie ist das Fundament meiner Beziehung zu meiner Tochter und somit auch meiner Erziehung. Ich gehe davon aus, dass alle Eltern ihre Kinder lieben! Vorausgesetzt sie sind selbst gesund und es hindert sie nichts daran.

Mit der Liebe zu meinem Kind baue ich eine ganz besondere Beziehung auf. Ich sorge mich um mein Kind. Ich versorge es und will, dass es ihm gut geht. Das ist für mich auch immer wieder die Motivation über meine Erziehung nachzudenken. Mit welchem meiner Verhaltensweisen erfülle ich die Bedürfnisse meines Kindes und meine eigenen? Was will ich meinem Kind beibringen? Wie soll unsere Mutter-Tochter-Beziehung sein?

Verantwortung

Verantwortung ist die erste Säule meiner Erziehung. Dabei unterteile ich in die Verantwortung der Eltern und die der Kinder.

Verantwortung der Eltern

Die Verantwortung für die Erziehung liegt bei uns Erwachsenen. Und damit auch die Verantwortung über die Kommunikation mit den Kindern. Daher ist es auch völlig klar, dass wir den Kindern nicht die Schuld für irgendetwas geben können. Zum Beispiel: „Du bist Schuld, dass ich jetzt zur spät zur Arbeit komme!“ – Ähm: Nein! – Es ist zwar einfach, das Kind vorzuschieben, aber tatsächlich ist es die Verantwortung der Eltern, den Morgen so zu gestalten, dass sie selbst pünktlich zur Arbeit kommen.

Erwachsene schützen ihre Kinder vor Gefahren

Es gibt Verantwortung, die bei den Eltern liegt. Ein oft bemühtes Beispiel ist der Straßenverkehr. Ich entscheide, wann wir über die Straße gehen und dass meine Tochter dabei an der Hand geht. Sie kann noch nicht die Geschwindigkeit der heranfahrenden Autos abschätzen und damit nicht die Gefahr. Ich als Erwachsene trage also Verantwortung an der Stelle, wenn ich Konsequenzen besser abschätzen kann als mein Kind und ich diese nicht verantworten will. Altersentsprechend überlasse ich meinem Kind immer mehr Verantwortung. Im Grundschulalter etwa lernt es, wann man sicher über die Straße gehen kann. Es wird den Weg zur Schule alleine gehen. Mein Kind wird Stück für Stück selbständiger werden. An diesem Punkt muss ich immer mehr Verantwortung an mein Kind übertragen. Und das ist auch das Ziel meiner Erziehung: Ich will das meine Tochter selbstständig wird. Wenn sie 18 sein wird, muss ich mich sozusagen überflüssig gemacht haben.

Erwachsene kümmern sich um ihre eigenen Bedürfnisse

Ich trage die Verantwortung für meine eigenen Bedürfnisse. Niemand sonst wird sich um meine Bedürfnisse kümmern. Wenn ich in Ruhe zu Abend essen will, dann sage ich das und spiele nicht mit, auch wenn mein Kind sich das jetzt gerade so sehr wünscht. Wenn ich an die frische Luft will, dann sage ich das. Ich bestimme im Supermarkt was eingekauft wird. Es ist mein Geld, das ich ausgebe. Ich kümmere mich um mein Bedürfnis nach Sicherheit, indem ich meine Ausgaben kontrolliere. Ich bestimme, wann wir morgens das Haus verlassen. Ich will meine Tochter pünktlich zum Kindergarten und mich zur Arbeit bringen. Es ist mein Bedürfnis nach Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, dem Kindergarten und meinem Arbeitgeber gegenüber. Diese Liste lässt sich beliebig erweitern. Es geht immer darum seine eigenen Bedürfnisse zu äußern. Nur wenn wir das tun, können wir darüber reden, wie wir die Bedürfnisse der Kinder und der Eltern erfüllen können.

Verantwortung der Kinder

Es gibt Verantwortung die beim Kind liegen muss: Die Eltern sollten ihrem Kind vertrauen, dass es für seine körperlichen Bedürfnisse selbst sorgen kann. Das können Kinder von Anfang an: Neugeborene signalisieren, wenn sie Hunger haben. Sie machen Suchbewegungen, ballen die Fäustchen und schreien schließlich, wenn der Hunger schon sehr groß ist. Das Neugeborene kümmert sich also selbst darum, dass sein Bedürfnis nach Nahrung gestillt wird. Im wahrsten Sinne des Wortes. Später entscheiden Kinder, wann sie auf Toilette müssen und was sie anziehen wollen und ob wir ihnen die Zähne putzen dürfen. Zum Thema Bedürfnisse habe ich bereits einen Artikel geschrieben.

Gewaltfreie Kommunikation

Im Studium habe ich mein erstes Seminar zur gewaltfreien Kommunikation besucht. Es war als Schlüsselkompetenz angepriesen. Und das ist sie für mich auch geworden. Richtig verstanden habe ich die gewaltfreie Kommunikation erst in meiner Fortbildung zum NLP-Master. Wir haben in Übungen erfahren, wie unterschiedlich wir kommunizieren können und wie Sender und Empfänger einer Botschaft sich dabei fühlen. Nach dem Seminar habe ich die gewaltfreie Kommunikation vor allem für mich selbst genutzt. Sie hat mir immer öfter dabei geholfen, mir meiner eigenen Bedürfnisse klar zu werden.

Die gewaltfreie Kommunikation hat auch Einzug in meine Erziehung gehalten. Ich weiß noch wie ich den Trainer fragte, was ich machen kann damit meine Tochter sich morgens von mir anziehen lässt. Da war sie 2,5 Jahre alt. Er sagte: “Wenn du etwas machst oder sagst, damit deine Tochter es wieder tut, dann ist das Manipulation, keine gewaltfreie Kommunikation. Du kannst dich bei ihr bedanken oder dich mit ihr freuen. Du kannst deine Gefühle ausdrücken. Aber erwarte nicht, dass sie sich beim nächsten Mal wieder so verhält.”

Da war ich erst mal sprachlos. In der gewaltfreien Kommunikation gab also keine Möglichkeit dazu meine Tochter zu manipulieren! Natürlich nicht! Das wollte ich ja auch nicht. Ich wollte nur morgens pünktlich im Kindergarten sein.

Womit ich schon bei meiner dritten Säule bin:

Zeit

Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Meine Tochter braucht morgens Zeit. Also bin ich früher mit ihr aufgestanden, obwohl ich wirklich gerne lange schlafe.

Kinder leben im Hier und Jetzt

Kinder nehmen Zeit anders wahr als Erwachsene. Kleinkinder leben sehr stark im Hier und Jetzt. Das können wir tatsächlich von ihnen lernen, denn wir Erwachsene leben und denken oft in der Vergangenheit oder Zukunft, aber ganz selten im Hier und Jetzt. Jeder Meditationsunterricht versucht uns das wieder beizubringen. Dabei haben wir es als Kinder alle gekonnt!

25 Minuten hin, 2 Stunden zurück

Ich möchte eine schöne Anekdote zu dem Thema Zeit zu erzählen:

Gestern erst habe ich mit meiner Tochter auf dem Weg zum Kindergarten 25 Minuten gebraucht. Und auf dem Rückweg: 2 Stunden! Wie kam das? Meine Tochter sagte auf halbem Weg: „Mama, ich will eine Pause machen.“ Also haben wir Pause gemacht. Dann gingen wir weiter: „Mama, ich habe Hunger.“ Da ich nichts mehr zum Essen dabei hatte, sind wir in den Supermarkt am Bahnhof gegangen. Währenddessen fuhr unser erster Zug ohne uns. Wir machen wieder eine Pause. Diesmal mit Keksen. Etwas später unten am Gleis: „Mama, Bär ist nicht mehr da!“ Ok, also wieder zurück zum Supermarkt. Der zweite Zug fährt ohne uns. Zurück beim Supermarkt hält e zum Glück schon den Bären in die Luft. Und wieder zurück zum Gleis. Unten angekommen: „Mama, Bär ist weg.“ Das gibt es nicht! Schon wieder! Ich musste laut lachen. Humor ist auch wichtig im Alltag mit Kindern. Also wieder zurück. Zum Glück kam uns eine Frau mit dem Bären entgegen. Wir konnten endlich unsere Bahn nehmen. Komisch wie die Zeit manchmal vergeht.

Wenn Kinder spielen, sind sie im Flow

Im Alltag mit Kinder kommt öfter mal etwas dazwischen, das wir zeitlich nicht abschätzen können. Wo es allerdings noch wichtiger ist den Kindern Zeit zu lassen ist beim Spielen. Kinder können sich in ein Spiel vertiefen. Bei Erwachsenen würde man vom Flow-Erlebnis sprechen. Kinder erleben das ständig. Maria Montessori nennt dieses Phänomen Polarisation der Aufmerksamkeit. Aus dieser Polarisation sollten wir Kinder nicht heraus holen, indem wir sie beispielsweise ansprechen mit “Das machst du aber toll!”. Wir sollten sie einfach spielen lassen!

Was sind deine drei Säulen?

Hast du schon mal darüber nachgedacht, was dir in deiner Erziehung wichtig ist? Wenn du weißt was dir wichtig ist, wirst du im Alltag, in dem du oft nicht so viel Zeit zum Überlegen hast, schneller reagieren können und die richtigen Worte finden. So musst du nicht auf die

üblichen Mittel: Erpressung, Bedrohung und Bestechung zurück greifen. Dein Alltag mit Kind wird viel entspannter werden.

Was sind die drei Säulen deiner Erziehung? Was ist dir am Wichtigsten?

Hinterlasse gerne einen Kommentar!

 

Zum Weiterlesen:

Wie wir die Bedürfnisse von Kindern besser verstehen können.

Lasst eure Kinder spielen! Was Eltern von Maria Montessori lernen können.

 

Gewaltfreie Kommunikation, Marshall R. Rosenberg

Dein kompetentes Kind, Jesper Juul

 

Die drei Säulen der Erziehung, Drohung, Bestechung und Erpressung, Lisa Seelig, Edition F

2 Kommentare

  1. Nicole sagt

    Liebe Sonja,
    danke für deinen Artikel. Obwohl ich selbst keine Kinder habe, beobachte ich bei Freunden häufig, wie sie mit Bestechungen oder Erpressungen versuchen, das Kind zum Handeln zu bewegen. Ich nehme an, dass passiert häufig aus Mangel an Alternativen. Sie wissen es einfach nicht besser und haben es so von ihren Eltern gelernt. Du nennst als zweite Säule Gewaltfreie Kommunikation, aber was heißt das eigentlich genau? Ohne Aggression oder Ungeduld in der Stimme mit dem Kind sprechen? Vielleicht ist das ja eine Idee für einen weiteren Artikel. Ich würde ihn lesen!

    • sonja sagt

      Liebe Nicole,
      danke für deinen Kommentar. Ich denke auch, dass es den Eltern an Alternativen mangelt. Ich hoffe über meine Beträge hier manche Eltern dazu inspirieren zu können etwas anderes auszuprobieren.

      Die Gewaltfreie Kommunikation wurde von Marshall R. Rosenberg begründet. Mir kam dieser Begriff auch anfangs etwas komisch vor. Ich dachte es sei doch selbstverständlich ohne Gewalt zu kommunizieren! Rosenberg meint damit eine Form von Kommunikation die in 4 Schritte zu zerlegen ist. Zuerst nennst du was wirklich passiert ist; die Fakten. Dann sagst du, wie du dich damit fühlst. Als Drittes sagst du welches Bedürfnis hinter diesem Gefühl steht. Du sagst was zu brauchst. Und zuletzt formulierst du eine Bitte an dein Gegenüber.

      Ein Artikel über Gewaltfreie Kommunikation in der Erziehung steht auf jeden Fall auf meiner Agenda. Ich will versuchen das Thema möglichst anschaulich zu erklären und Beispiele zu finden, die direkt im Alltag anwendbar sind. Dieses Thema hätte den Rahmen für den heutigen Artikel gesprengt!
      Ich freue mich über dein Interesse!

      Liebe Grüße!

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